Wer kennt diese Situation aus dem Schulalltag nicht? Schülerinnen und Schüler verpassen durch häufiges Stören, Zuspätkommen oder sogar Schlafen Teile der regulären Unterrichtsstunde. Um sicherzustellen, dass der verpasste Stoff auch tatsächliche nachgeholt wird, verdonnert die Lehrkraft die Störenfriede zum Nachsitzen nach Unterrichtsschluss. Doch ist das erlaubt? Und wenn ja, was sind die Voraussetzungen und Grenzen einer solchen Maßnahme?

Nachsitzen als erzieherische Einwirkung

Grundsätzlich ist Nachsitzen erlaubt. Das Schulgesetz nennt in § 53 Abs. 2 SchulG NRW ausdrücklich die „Nacharbeit unter Aufsicht“ als erzieherische Einwirkung. Diese kommt laut Schulministerium NRW dann in Betracht, wenn eine Schülerin oder ein Schüler durch eigenes Verschulden Unterrichtsstoff verpasst hat.

Voraussetzungen für das Nachsitzen

Da die Nacharbeit nach Unterrichtsschluss stark in die Rechte der Schülerin oder des Schülers eingreift, muss − wie bei allen erzieherischen Einwirkungen − der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Das bedeutet, dass die Lehrkraft zunächst mildere Mittel in Betracht ziehen muss. Nur wenn der gewünschte Erfolg durch diese milderen Mittel nicht erreicht werden kann, ist auch die Nacharbeit unter Aufsicht erlaubt.

Hierzu zwei Beispiele:

  • Statt in der Unterrichtsstunde einen Teil der Lektüre zu lesen, beschäftigt sich eine Schülerin oder ein Schüler lieber mit ihrem/seinem Mobiltelefon. Hier kann die verpasste Lektüre problemlos auch durch zusätzliche Hausaufgaben nachgeholt werden. Ein Nachsitzen ist nicht erforderlich und wäre daher unverhältnismäßig.
  • Eine Schülerin oder ein Schüler kommt durch Trödeln 20 Minuten zu spät in die Unterrichtsstunde und verpasst dort wichtige Erklärungen des Mathematiklehrers zu einer mathematischen Herleitung. In diesem Fall kann die Lehrkraft davon ausgehen, dass die Schülerin oder der Schüler diese Herleitung nicht zu Hause in Eigenregie nachholen kann. Hier wäre die Nacharbeit unter Aufsicht ein verhältnismäßiges Mittel.

Bei minderjährigen Schülerinnen oder Schülern ordnet das Gesetz außerdem die vorherige Benachrichtigung der Eltern über die Nacharbeit nach Unterrichtsschluss an.

Was ist beim Nachsitzen verboten?

Da das Schulrecht generell keine kollektiven erzieherischen Maßnahmen erlaubt, ist auch das Nachsitzenlassen einer ganzen Klasse verboten. Es dürfen immer nur diejenigen Schülerinnen und Schüler zur Nacharbeit unter Aufsicht herangezogen werden, die durch eigenes Verschulden Unterrichtsteile verpasst haben.

Ist Nachsitzen Freiheitsberaubung?

Erst kürzlich machte ein Fall aus Neuss Schlagzeilen. Dort wurde einem Musiklehrer eine Freiheitsberaubung vorgeworfen, da er eine Klasse dazu verdonnert hatte, eine Strafarbeit über den Geigenspieler Paganini zu schreiben. Die Schülerinnen und Schüler durften das Klassenzimmer erst nach Abgabe dieser Arbeit verlassen.

Diese Art der Strafarbeit stellt wohl eine unzulässige Kollektivmaßnahme dar (siehe oben), ist aber keine Freiheitsberaubung im strafrechtlichen Sinne. Dies sah das Gericht (LG Düsseldorf, Urteil vom 17.02.2017, Az. 5 Ns 63/16) in zweiter Instanz richtigerweise auch so (Spiegel-Online berichtete) und sprach den Lehrer frei. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, die Staatsanwaltschaft hat Revision eingelegt.

 

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